Guillain-Barré-Syndrom – Übersicht
von Dr. Carsten Schröter
Weitere
Informationen zum Miller-Fisher-Syndrom, einer Variante des
Guillain-Barré-Syndrom
s,
erhalten Sie auf der Seite:
Guillain-Barré
Syndrom
– Einleitung
Das Guillain-Barré-Syndrom ist eine Erkrankung der Nervenbahnen, die vom Rückenmark zu den Muskeln oder anderen Organen bzw. von Haut und Organen zum Rückenmark ziehen. Am stärksten sind dabei in der Regel die längsten Nervenbahnen, die zum Bein ziehen, betroffen. Lähmungen und Gefühlsstörungen sind die häufigsten Symptome, aber auch andere Funktionen können betroffen sein. Pro Jahr erkranken von 100.000 Einwohnern etwa 1 bis 2. Dabei sind Männer im Verhältnis von 1,25 : 1 etwas häufiger betroffen als Frauen. Das Guillain-Barré-Syndrom wird im folgenden in Hinsicht auf seine Symptomatik und Ursachen sowie Therapie der akuten Erkrankung dargestellt. Guillain-Barré-Syndrom –
Historisches
Das
Guillain-Barré-Syndrom müsste eigentlich Guillain-Barré-Strohl-Syndrom
heißen. Georges Guillain, J.-A. Barré und A. Strohl waren die Autoren
des Berichtes »Sur une syndrome de radiculo-névrite avec
hypoalbuminose du liquide céphalo-rachidien sans réaction cellulaire.
Remarques
sur les caractères cliniques et graphiques des réflexes tendineux»,
der im Jahre 1916 erschien.
Georges
Guillain (1876 – 1961) war Schüler des berühmten Neurologen Pierre
Marie an der Salpetrière in Paris, dessen Nachfolger er auf dem
Lehrstuhl für Krankheiten des Nervensystems im Jahre 1923 wurde.
Jean-Alexandre Barré (1880 – 1967) war Schüler von Joseph Babinski
und Pierre Marie, er übernahm 1919 den Lehrstuhl für Neurologie der
Universität Straßburg.
Die
rasch fortschreitende Form der Erkrankung mit innerhalb von ein bis zwei
Tagen auftretenden schwersten Lähmungen wurde bereits im Jahre 1859 von
Jean-Baptiste-Octave Landry de Thézillat (1826 – 1865), ebenfalls
einem Pariser Arzt, beschrieben. Er hatte einen Bericht über zehn
Patienten mit „akut aufsteigenden Lähmungen“ – „paralysie
ascendante aigue“ verfasst. Deshalb wird bei besonders rasch sich
entwickelnden schweren Verläufen auch heute noch gelegentlich von der
Landry-Paralyse gesprochen.
Ernst
von Leyden (1832 – 1910), seit 1876 Direktor der I. Medizinischen
Universitätsklinik der Charité in Berlin, grenzte im Jahre 1880
bereits solche „acuten und subacuten multiplen Neuritiden“ als primäre
entzündliche Erkrankungen der Nervenfortsätze von den primären Rückenmarkserkrankungen,
insbesondere der Poliomyelitis, der Kinderlähmung, ab. Die erste größere Darstellung der anatomisch-pathologischen Veränderungen ist von W. Haymaker und J.W. Kernohan zusammengestellt worden. Im Streit um die Ursache wurde schon früh von „infektiöser“ oder von „rheumatischer“ Genese gesprochen, Alfred Bannwarth (1903 – 1970) und Heinrich Pette (1887 – 1964) haben sich Anfang der 40er Jahre für eine allergisch-hyperergische Ursache ausgesprochen, also eine wesentliche Beteiligung des Immunsystems bereits angenommen.
Eine
andere Verlaufsform wurde im Jahre 1956 vom Kanadier Miller Fisher
beschrieben. Er fasste die Krankheitsverläufe von drei Patienten
zusammen, die akut aufgetretene Lähmungen der Augenmuskulatur, eine
Ataxie (Störung der Zielbewegungen) sowie ein Fehlen der
Muskeleigenreflexe an Armen und Beinen aufwiesen. Ein Patient hatte zusätzlich
eine Lähmung der Gesichtsmuskulatur. Alle drei Patienten erholten sich
spontan. J. H. Austin beschrieb im Jahre 1958 eine chronische Verlaufsform der Erkrankung, die wir heute als chronisch entzündliche demyelinisierende Polyneuritis (CIDP) kennen. Guillain-Barré-Syndrom –
Symptomatik
Das
Guillain-Barré-Syndrom zeigt sich mit oft von den Beinen aufsteigenden
Muskelschwächen, die bis zu einer vollständigen Lähmung der Arme und
Beine sowie Atemlähmung führen können. Typischerweise bemerkt der
Patient als erstes Schwierigkeiten, sich aus der Hocke aufzurichten oder
Treppen zu steigen. Die Muskeleigenreflexe sind nicht auslösbar. Eine besondere Variante ist das Miller-Fisher-Syndrom mit Störungen der Augenbewegungen und der Zielbewegungen der Arme und Beine (Ataxie). Weitere Informationen zu diesem speziellen Krankheitsbild finden Sie unter
Die
schwersten Symptome mit kompletter Lähmung der Muskulatur und Atemlähmung
halten unterschiedlich lange an, sie können Tage bis Wochen bestehen.
Je nach Ausprägung des Krankheitsprozesses und Intensität des Verlaufs
kommt es entweder zu einer raschen vollständigen Rückbildung oder aber
zu einem mehr oder minder ausgeprägten Residualsyndrom mit Restschwächen
in 20 bis 40%. Im Mittel wird der schlechteste Zustand nach etwa 9 Tagen
erreicht, bei 98% der Patienten innerhalb von 4 Wochen. Etwa nach 2 bis
4 Wochen in der Plateauphase, also Stabilität der Symptomatik, setzt
die Besserung ein. Die mediane Zeit bis zu Erreichung der Gehfähigkeit
bei therapierten Patienten beträgt 40 bis 70 Tage. Nach einem Jahr
besteht bei 70% der Patienten weitgehende Symptomfreiheit.
In
der Regel (95 –97%) tritt nur ein Krankheitsschub auf. Nur in 3 bis 5
% der Fälle tritt ein erneuter Schub nach Monaten bis zu 8 Jahren
auf. Guillain-Barré-Syndrom –
Einteilung der Formen
Das
Guillain-Barré-Syndrom wird heute in verschiedene Formen
unterschieden:
AIDP
akute inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie
AMAN akute motorische axonale Polyneuropathie
AMSAN akute motorische und sensorische axonale Polyneuropathie
Weitere
Varianten, u.a. : Miller
Fisher Syndrom
Akute
Pandysautonomie
Rein sensibles Guillain-Barré-Syndrom
Erklärung
der Begriffe:
Polyneuropathie
ist eine Erkrankung der Nervenfasern. Die Ursachen können mannigfaltig
sein. Im Falle des Guillain-Barré-Syndroms liegt eine entzündliche und
immunbedingte Ursache vor. Inflammatorisch bedeutet entzündlich.
Akut
steht für den raschen Verlauf, die Symptomatik erreicht in maximal 4
Wochen ein Plateau, verschlechtert sich nach vier Wochen also nicht
mehr.
Motorisch
und sensorisch bedeutet das Betroffensein der Nervenfasern, die entweder
für die Innervation der Muskeln und damit der Bewegung, oder die für
das Gefühl, die Sensibilität, notwendig sind.
Nerven
haben ein Axon, den Ausläufer oder besser die Faser der Nervenzelle,
das Axon kann zum Beispiel vom Rückenmark bis zu den Fußmuskeln
ziehen. Spielt sich der Krankheitsprozess primär an den Axonen ab,
sprechen wir von einer axonalen Polyneuropathie. Die erhaltenen
Nervenfasen leiten in diesen Fällen normal schnell, so dass die Messung
der Leitgeschwindigkeit einen normalen oder nur leicht veränderten
Befund ergibt.
Die
weiteren Varianten werden an dieser Stelle nicht weiter erklärt. In
Europa ist die AIDP die häufigste Verlaufsform des Guillain-Barré-Syndrom
s. Guillain-Barré-Syndrom –
Diagnostik
Diagnostisch
werden insbesondere Elektroneurographie und –myographie sowie
Untersuchungen des Nervenwassers vorgenommen.
Bei
der Elektromyographie weisen Veränderungen des elektrischen Verhaltens
der Muskelfasern auf eine Schädigung der sie versorgenden
Nervenbahnen hin. Da diese Veränderungen aber in der Regel erst
nach etwa 14 Tagen festzustellen sind, können sie der Frühdiagnose in
der Regel nicht dienen.
Auf
die ebenfalls in dieser Indikation eingesetzten evozierten Potentiale
soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden.
Weiter
sind Untersuchungen der Herzströme (EKG) notwendig. Hier ist
insbesondere auf Herzrhythmusstörungen zu achten. Sind solche Störungen
nachweisbar, muss eine enge Kontrolle der Patienten erfolgen. Ein
Zeichen einer Beteiligung der Nervenfasern, die das Herz innervieren,
ist eine Störung der Herzfrequenzvariabilität. Normalerweise wechselt
die Dauer zwischen dem Auftreten zweier Herzschläge, wenn auch so
gering, dass es durch das Messen des Pulses nicht erfassbar ist. Durch
bestimmte Geräte kann diese Variabilität der Herzfrequenz aber einfach
ermittelt werden. Ist diese normale Variabilität nicht mehr gegeben,
ist die Dauer zwischen zwei Herzschlägen also starr, so weist das auf
die Störung der Herzfrequenzvariabilität hin. Ebenso wird die Atemfunktion regelmäßig untersucht (Lungenfunktionsdiagnostik, Blutgasanalyse).
Die
Untersuchung des Nervenwassers (Liquor cerebrospinalis) zeigt
typischerweise eine Zunahme des Eiweiß-Gehaltes, aber keine oder nur
eine geringe Vermehrung der dort nachweisbaren Zellen (zytoalbuminische
Dissoziation).
Weiter
können heute die unten beschriebenen Antikörper gegen bestimmte
Ganglioside im Blut nachgewiesen werden.
Guillain-Barré-Syndrom –
Ursachen und Auslöser
In
etwa 60 – 70% tritt das
Guillain-Barré-Syndrom zehn bis vierzehn Tage nach einer
Infektionskrankheit auf. Bestimmte Erreger wurden dabei überzufällig häufig.
Bei 18% der Patienten, vorwiegend bei jüngeren Patienten und nach
Infektionen der oberen Atemwege, wurden Antikörper gegen
Zytomegalie-Viren nachgewiesen. Bei diesen Patienten traten sensible Störungen
(Gefühlsstörungen) und Störungen der Hirnnerven auf, oft auch Störungen
der Atmung.
Dagegen
wurden Antikörper gegen Campylobacter jejuni nach
Magen-Darm-Infektionen, insbesondere Durchfällen, in ca. 28% der
Patienten mit Guillain-Barré-Syndrom gefunden. Bei diesen Patienten
standen motorische Störungen (Lähmungen) im Vordergrund des
Geschehens. Auch nach Mycoplasma pneumoniae-Infektionen ist ein höheres
Risiko, an einem Guillain-Barré-Syndrom zu erkranken, festgestellt
worden, ebenso nach Infektionen mit Epstein-Barr-Viren.
Sehr
selten kann ein Guillain-Barré-Syndrom auch nach einer Impfung
auftreten. Nach Influenza-Impfungen (Grippe-Schutzimpfungen) ist mit
einem allerdings extrem niedrigen Risiko von 1 : 1.000.000 das Auftreten
eines Guillain-Barré-Syndroms beschrieben worden, ebenso wurden Fälle
nach Impfungen gegen Tollwut beschrieben.
Gehäuft
tritt die Erkrankung auch bei HIV-Infizierten auf.
Beim
Auftreten des Guillain-Barré-Syndroms wurden bei einem Tei der Fälle
bestimmte Antikörper, also vom Körper gebildete Substanzen zur Körperabwehr,
nachgewiesen. Diese sind gegen bestimmte körpereigene Stoffe,
sogenannte Ganglioside, gerichtet. Der Körper bildet die Antikörper
dabei gegen einen Erreger, Bakterium oder Virus. Wegen einer Ähnlichkeit
der Strukturen des Erregers und des Menschen kann sich dann die
Immunreaktion auch gegen den Menschen richten. Z.B. bei Auftreten eines
Guillain-Barré-Syndroms nach einer Campylobacter jejuni-Infektion
(Magen-Darm-Infekt) mit resultierender AMAN oder AMSAN werden gehäuft
Antikörper gegen die Ganglioside GM1 oder GD1A gefunden. Diese sind
vermutlich auch für den Krankheitsprozess verantwortlich. Nur die
wenigsten Menschen erleiden nach einer solchen Infektion ein
Guillian-Barré-Syndrom, so dass offenbar weitere Faktoren vorliegen,
die zum Auftreten der Erkrankung beitragen.
Guillain-Barré-Syndrom
– Akut-Therapie
Die
Therapie des Guillain-Barré-Syndroms ist vom Verlauf abhängig. Dabei
wird ein Eingriff in das Immunsystem dann vorgenommen, wenn Patienten
ohne Hilfe nicht mehr gehen können, wenn Störungen der Atmung oder des
Schluckens auftreten. Es werden entweder die Plasmapherese oder die Gabe
von Immunglobulinen durchgeführt.
Die
Plasmapherese-Behandlung ist eine Art Blutwäsche, bei der
Immunglobuline und damit auch die für die Erkrankung verantwortlichen
Antikörper aus dem Blut im Austausch in der Regel gegen Albumin (Eiweiß)
entfernt werden. In milden Fällen genügen zwei Behandlungen, in
schweren Fällen sind oft vier Behandlungen notwendig.
Etwa
genauso wirksam ist die intravenöse Gabe von Immunglobulinen. Wegen der
etwas geringeren Nebenwirkungsrate und der geringeren Belastung des
Patienten werden in der Regel die Immunglobuline meist als Therapie
erster Wahl angesehen. Intravenös gegebene Immunglobuline
neutralisieren Antikörper und greifen hemmend in die Produktion von
Antikörpern ein. Sie neutralisieren ebenfalls bakterielle und virale
Antigene. Auch die Aktivität von Makrophagen, Zellen der Immunabwehr,
wird vermindert.
Obwohl
es sich um eine Immunerkrankung handelt, ist Kortison nicht geeignet,
den Verlauf günstig zu beeinflussen. Nur eine bisher nicht
reproduzierte Untersuchung hatte gezeigt, dass Kortikoide in der
Kombination mit Immunglobulinen besser wirksam sind als Immunglobuline
alleine.
In
jedem Fall sind aber eine Basistherapie zur Verhinderung von Thrombosen,
Lungenentzündungen oder auch Durchlagegeschwüren (Dekubitus) und bei
Störungen der Atemfunktion rechtzeitige Beatmung notwendig. Eine
Behandlung beatmeter Patienten ist in unserer Klinik nicht möglich, außer
es handelt sich um eine angepasste und bereits stabile Heimbeatmung.
Ist
die Atmung gestört, kann auch eine Beatmung des Patienten notwendig
werden.
Ein
wichtiger Aspekt ist auch die menschliche Zuwendung zum Patienten.
Das in den ersten Tagen erlebte Fortschreiten der bedrohlichen
Erkrankung und die plötzliche Pflegeabhängigkeit sind für den
Patienten schwer zu ertragen. Nach der Stabilisierung des Krankheitsbildes im Akutkrankenhaus ist in der Regel eine Rehabilitation notwendig. Mehr über die Rehabilitation des Guillain-Barré-Syndroms erfahren Sie unter
www.guillainbarre-syndrom.de/rehabilitation.
von
Dr. med. Carsten Schröter
Chefarzt der Neurologischen Abteilung der Klinik Hoher Meissner
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